* 24 *

Ein wahrhaft bestialischer Gestank nach gekochter Ratte und verfaultem Fisch wehte von der Hütte herüber, als Jenna und Nicko, die den ganzen Tag in den Marschen vergeblich nach der Botenratte Ausschau gehalten hatten, mit der Muriel zwei in den Mott einbogen.
»Glaubst du, die Ratte ist schon da und Tante Zelda kocht sie gerade zum Abendessen?«, lachte Nicko, als sie das Kanu festmachten und sich fragten, ob es ratsam war, hineinzugehen.
»Hör auf, Nicko. Ich fand die Botenratte sympathisch. Ich hoffe, Dad schickt sie bald zurück.«
Sich fest die Nasen zuhaltend, gingen sie den Weg zur Hütte hinauf. Mit einem beklommenen Gefühl stieß Jenna die Tür auf.
»Igitt!«
Drinnen roch es noch strenger. In den Gestank von gekochter Ratte und verfaultem Fisch mischte sich unverkennbar ein Hauch von alter Katzenkacke.
»Kommt rein, Kinder, wir sind beim Kochen«, rief Tante Zeldas Stimme aus der Küche. Von dort kam auch der Gestank.
Wenn das ihr Abendessen war, dachte Nicko, verspeiste er lieber seine Socken.
»Ihr kommt wie gerufen«, flötete Tante Zelda vergnügt.
»Na, prima«, sagte Nicko, der sich fragte, ob Tante Zelda überhaupt noch einen Geruchssinn besaß oder ob er durch jahrelanges Kohlkochen völlig abgestumpft war.
Er und Jenna näherten sich widerstrebend der Küche. Was konnte das nur für ein Abendessen sein, das so verboten roch?
Zu ihrer Überraschung und Erleichterung war es nicht das Abendessen. Und es war auch nicht Tante Zelda, die am Herd stand, sondern Junge 412.
Er sah sehr ulkig aus. Er trug eine schlecht sitzende bunte Strickkombination, die aus einem sackartigen Flickenpullover und ausgeleierten Strickshorts bestand. Aber sein roter Hut saß immer noch fest auf seinem Kopf und dampfte leicht in der heißen Küche, während seine Kleider zum Trocknen am Kamin hingen.
Tante Zelda hatte ihn endlich zu einem Bad überreden können, aber nur, weil er nach seiner Rückkehr vom Schlammloch des Boggart mit einer klebrigen schwarzen Dreckkruste überzogen war und sich so unwohl fühlte, dass er nur zu gern in die Badehütte verschwand. Doch von dem roten Hut wollte er sich nach wie vor nicht trennen. In dem Punkt hatte sich Tante Zelda geschlagen geben müssen. Aber sie war froh, dass sie wenigstens seine Sachen waschen konnte. Außerdem fand sie, dass er in dem alten Strickanzug, den Silas als Kind getragen hatte, richtig süß aussah. Junge 412 dagegen fand, dass er belämmert aussah, und mied Jennas Blick, als sie hereinkam.
Er rührte konzentriert in der stinkenden Pampe, war aber noch immer nicht restlos davon überzeugt, dass Tante Zelda keine Käfermarmelade kochte, zumal sie am Küchentisch saß und einen Haufen Einmachgläser vor sich stehen hatte. Sie schraubte emsig die Deckel ab und reichte die Gläser Marcia, die ihr gegenüber saß und Charms aus einem sehr dicken Zauberbuch nahm, das den Titel hatte:
500 Charms
Alle garantiert identisch und 100-prozentig einsatzfähig.
Ideal für den sicherheitsbewussten Zauberer von heute.
»Kommt und setzt euch«, sagte Tante Zelda und machte am Tisch für sie Platz. »Wir bereiten die Einmachgläser vor. Marcia kümmert sich um die Charms, und ihr könnt die Insekten hineintun, wenn ihr Lust habt.«
Jenna und Nicko setzten sich an den Tisch. Sie atmeten vorsichtshalber nur durch den Mund. Der Gestank kam aus der Pfanne mit der hellgrünen Pampe, in der Junge 412 voller Hingabe rührte.
»Dann mal los. Hier sind die Insekten.« Tante Zelda schob eine große Schüssel vor Jenna und Nicko hin. Jenna linste hinein. In der Schüssel wimmelte es von Ungeziefer jeder Art und Größe.
»Igitt.« Jenna schüttelte sich. Sie hatte für Krabbeltiere überhaupt nichts übrig. Auch Nicko war nicht gerade begeistert. Seit Fred und Eric ihm einmal, als er noch klein war, einen Tausendfüßler in den Kragen gesteckt hatten, mied er alles, was wuselte und krabbelte.
Doch Tante Zelda nahm darauf keine Rücksicht. »Unsinn, das sind doch nur winzige Geschöpfe mit vielen kleinen Beinen. Die haben viel mehr Angst vor euch als ihr vor ihnen. Also ... Zuerst gibt Marcia den Charm herum. Jeder hält den Charm so, dass das Insekt auf ihn geprägt wird und ihn wieder erkennt, wenn es freigelassen wird, dann legt Marcia den Charm in ein Einmachglas. Ihr beide könnt anschließend ein Insekt dazutun und das Ganze dann Junge 412 geben. Er füllt das Glas mit dem Eingemachten, und ich schraube den Deckel darauf. So sind wir im Handumdrehen fertig.«
Und so wurde es auch gemacht, nur dass Jenna das Zuschrauben der Deckel übernahm, weil ihr gleich das erste Insekt über den Arm krabbelte und erst von ihr abließ, als sie laut kreischend auf und ab hüpfte.
Alle atmeten auf, als sie an das letzte Glas kamen. Tante Zelda schraubte den Deckel ab und reichte es Marcia, die im Zauberbuch die nächste Seite aufschlug und einen weiteren kleinen schildförmigen Charm herausnahm. Sie reichte den Charm herum, damit ihn jeder kurz in der Hand halten konnte, dann ließ sie ihn in das Einmachglas fallen und reichte das Glas Nicko. Nicko war darüber alles andere als erfreut. Auf dem Boden der Schüssel lauerte das letzte Insekt, ein großer roter Tausendfüßler, der genauso aussah wie der, den sie ihm vor vielen Jahren in den Kragen gesteckt hatten. Er lief wie verrückt im Kreis und suchte nach einem Versteck. Hätte sich Nicko nicht so geekelt, hätte er vielleicht Mitleid mit ihm gehabt, doch er konnte nur daran denken, dass er ihn anfassen musste. Der Charm lag bereits im Glas, und Marcia wartete. Junge 412 hielt eine letzte Schöpfkelle mit der ekligen Pampe bereit. Alle warteten.
Nicko holte tief Luft, schloss die Augen und fasste in die Schüssel. Der Tausendfüßler sah die Hand kommen und wuselte in die andere Richtung. Nicko tastete in der Schüssel umher, doch der Tausendfüßler war schneller. Er huschte mal hierhin, mal dorthin, bis er ein Versteck entdeckte, nämlich Nickos baumelnden Ärmel, und darauf zulief.
»Du hast ihn!«, rief Marcia. »Er ist in deinem Ärmel. Schnell, ins Glas damit.« Nicko wagte nicht hinzusehen. Er schüttelte den Ärmel wie wild über dem Glas und stieß es um. Der Charm purzelte über den Tisch, fiel zu Boden und löste sich in Luft auf.
»Ach, du grüne Neune!«, schimpfte Marcia. »Die sind vielleicht unbeständig.« Sie fischte einen anderen Charm aus dem Buch und ließ ihn gleich in das Glas fallen, ohne ihn vorher herumzureichen.
»Mach schon«, sagte sie gereizt. »Das Eingemachte verliert schnell seine Wirkung. Beeilung.«
Sie fasste herüber und schnippte den Tausendfüßler gekonnt von Nickos Ärmel direkt ins Glas. Im nächsten Moment kippte Junge 412 die klebrige grüne Pampe darüber. Jenna schraubte den Deckel fest zu, knallte das Glas mit einer schwungvollen Bewegung auf den Tisch, und alle beobachteten die Verwandlung im letzten Einmachglas.
Der Tausendfüßler im Glas befand sich in einem Schockzustand. Er hatte unter seinem Lieblingsstein geschlafen, da kam plötzlich ein Riese mit rotem Kopf, nahm den Stein weg und hob ihn selbst in die Höhe. Doch es kam noch schlimmer: Er, von Natur aus Einzelgänger, wurde in einen Haufen lärmender, schmutziger und ausgesprochen rüpelhafter Insekten geworfen, die schubsten und drängelten und versuchten, ihm in die Beine zu beißen. Wenn der Tausendfüßler etwas nicht leiden konnte, dann dass man seine Beine in Unordnung brachte. Er hatte viele Beine, und jedes einzelne musste tadellos in Schuss sein, sonst konnte es für ihn unangenehm werden. Arbeitete nur ein einziges Bein unzuverlässig, war es um seinen Besitzer geschehen – er irrte endlos im Kreis. Deshalb hatte sich der Tausendfüßler auf den Schüsselboden verkrochen und dort geschmollt, bis ihm irgendwann auffiel, dass alle anderen Insekten fort waren und er kein Versteck mehr hatte. Jeder Tausendfüßler wusste, dass »kein Versteck haben« das Ende der Welt bedeutete, und unser Tausendfüßler musste jetzt erfahren, dass dies wirklich stimmte, denn er schwamm in einem zähen grünen Brei und etwas Schreckliches ging mit ihm vor. Er verlor ein Bein nach dem anderen.
Und nicht nur das. Sein langer, schlanker Leib wurde kürzer und dicker, sodass er bald aussah wie ein dreieckiges Monstrum mit einem kleinen spitzen Kopf. Auf dem Rücken hatte er ein stabiles Paar gepanzerter grüner Flügel, und seinen Bauch bedeckten dicke grüne Schuppen. Und als sei das noch nicht schlimm genug, hatte er, der Tausendfüßler, jetzt nur noch vier Beine! Vier dicke grüne Beine. Wenn man so etwas überhaupt Beine nennen konnte. Er verstand unter Beinen jedenfalls etwas anderes. Er hatte zwei oben und zwei unten. Die beiden oberen waren kürzer als die beiden unteren. Sie hatten jeweils fünf spitze Dinger an den Enden, die er bewegen konnte, und eins von den oberen Beinen hielt einen kurzen scharfen Stab aus Metall. Die beiden unteren Beine hatten große und flache grüne Dinger am Ende, und an jedem waren fünf noch kleinere spitze grüne Dinger vorne dran. Eine absolute Katastrophe. Wie konnte jemand mit lächerlichen vier Beinen leben, die noch dazu dick waren und in spitze Dinger ausliefen? Was für eine Art von Geschöpf war das?
Diese Art von Geschöpf war, auch wenn es der Tausendfüßler nicht wusste, ein Panzerkäfer.
Der Ex-Tausendfüßler war jetzt ein voll ausgebildeter Panzerkäfer und schwamm in der zähen grünen Pampe. Er bewegte sich ganz langsam, als probierte er seinen neuen Körper aus. Mit einem überraschten Ausdruck auf dem Gesicht blickte er durch den grünen Schleier hinaus in die Welt und wartete auf den Augenblick seiner Befreiung.
»Der perfekte Panzerkäfer«, sagte Marcia stolz, als sie das Glas ins Licht hielt und den Ex-Tausendfüßler bewunderte. »Der ist uns am besten gelungen. Gut gemacht, Leute.«
Bald standen die siebenundfünfzig Marmeladegläser aufgereiht auf den Fensterbänken und bewachten die Hütte. Sie boten einen unheimlichen Anblick mit ihren hellgrünen Bewohnern, die verträumt in der grünen Pampe schwebten und die Zeit verschliefen, bis jemand den Deckel abschraubte und sie freiließ.
»Was passiert eigentlich, wenn man den Deckel abschraubt?«, fragte Jenna.
»Nun«, antwortete Marcia, »der Panzerkäfer springt heraus und verteidigt dich bis zu seinem letzten Atemzug, es sei denn, dir gelingt es, ihn wieder einzufangen und ins Glas zurückzutun, aber das kommt selten vor. Ist ein Panzerkäfer erst einmal frei, will er nie wieder in ein Glas zurück.«
Später, als Tante Zelda und Marcia die Töpfe und Pfannen spülten, saß Jenna an der Tür und lauschte dem Klappern aus der Küche. Im Dämmerlicht betrachtete sie die siebenundfünfzig kleinen grünen Lichtflecken auf dem hellen Steinfußboden und beobachtete, wie sich in jedem ein kleiner Schatten regte, der auf den Augenblick seiner Freilassung wartete.